Der englische Langbogen und das Ende des Rittertums

 

Keine Waffe des Mittelalters war präziser, schneller und tödlicher als der

englische Langbogen.Tausende europäischer Adliger - Könige, Fürsten,

Barone und Grafen, die Blüte des Rittertums starben im Hagel der Pfeile.

Die Perfektionierung des Langbogens und sein massenhafter Einsatz ab

dem 13. Jahrhundert machten die Ritter militärisch bedeutungslos.

 

Es waren Angeln, Sachsen und Jüten, die ab 450 n. Chr. England besiedelten

und ihre Langbogen für die Jagd mitbrachten. Größeren militärischen Einsatz

fand der Bogen vermutlich erst in den Wikingerkriegen des 9. Jahrhunderts.

Im Hafenbecken von Haithabu,der wikingischen Handelsstadt bei Schleswig, 

fanden Archäologen einen Wikinger-Langbogen mit einem Zuggewicht von rund

100 englischen Pfund - zu stark für die Jagd: ein Kriegsbogen?

 

Verheerende Durchschlagskraft

Mit einer Länge von etwa 1,90 Meter ist der englische Langbogen schon rein

äußerlich eine imposante Waffe. Er wurde und wird auch heutzutage aus dem

Holz der europäischen Eibe gefertigt,das sich wie kein anderes Material zum

Bogenbau eignet. Gefundene mittelalterliche Bogen weisen Zuggewichte auf,

die von 100 englischen Pfund (rund 45 Kilogramm) bis zu 185 englischen Pfund

(etwa 84 Kilogramm) reichen. Die mit einem Langbogen verschossenen Pfeile

haben die seit dem Mittelalter vorgeschriebene Länge von 32 englischen Zoll,

was rund 81 Zentimetern entspricht.

 

Tödliche Reichweite und Durchschlagskraft 

Die Pfeilspitzen bestanden schon im 13. Jahrhundert aus geschmiedetem und

gehärtetem Stahl und verliehen den Pfeilen zusammen mit der hohen

Geschwindigkeit eine unerreichte Durchschlagskraft.Gegen die Panzerplatten

von Rüstungen wurden so genannte Bodkin-Spitzen verwendet, die in der Form

große Ähnlichkeit mit einer Schusterahle haben und auf 80 Meter noch die

mühelos durchjedes Kettenhemd drangen.

 

Wunderwaffe des Mittelalters

Wer im Mittelalter eine Schlacht gewinnen wollte, der musste Bogenschützen

haben - und nicht zu knapp. Entwickelt wurde der Einsatz von Bogenschützen als taktisches Mittel in den

Schotten-Kriegen des 13. und 14. Jahrhunderts in England. Vor allem bei Falkirk

1298 und Bannock Burn 1314 kamen mehrere tausend Bogenschützen auf

schottischer und auf englischer Seite zum Einsatz.

 

Auf heranstürmendes Fußvolk und angreifende Reiterei feuerten die Bogen

schützen zuerst ballistische Salven über mehr als 200 Meter. Das Ergebnis war

jeweils ein vernichtender Hagel von mehrerentausend Pfeilen, der auf die

Angreifer niederprasselte. Bis zu sechs Salven pro Minute konnten die

Bogenschützen verfeuern. Um ungestört den Gegner beschießen zu können,

musstensie allerdings selber gut geschützt werden. Diese Aufgabe

übernahmen Reiterei und schwer bewaffnete Infanterie. Zusätzlich steckten

viele Bogenschützen angespitzte, fast mannshoheHolzpfähle vor sich in den

Boden und bildeten so eine mobile Palisade.

 

Crecy und Agincourt

Die in den langjährigen Kriegen gegen die Schotten verfeinerte Bogenschützen

-Technik bescherte England im Hundertjährigen Krieg gegen Frankreich zwei

fast einzigartige militärische Siege. Bei Crecy standen 1346 nur 13.000

Engländer, davon allerdings fast die Hälfte Bogenschützen, rund 40.000

Franzosen gegenüber. Dank der Bogenschützen konnte das englische Heer

jedoch sechzehn Angriffswellen der französischen Kavallerie und Infanterie

abwehren. Das Ergebnis war fürchterlich:

Am Abend soll sich vor den englischen Reihen ein fast ein Kilometer langer

Wall aus toten Franzosen gebildet haben. Während auf englischer Seite 100

Mann starben, fielen bei den Franzosen 1500 Ritter und 10.000 Mann Fußvolk.

 

 

Der Weg der englischen Armee nach Crecy  

Zu einem ähnlichen Desaster entwickelte sich die Schlacht bei Agincourt 1415.

Etwa 9000 Engländern, davon 6000 Bogenschützen, unter dem Kommando von

Henry V. stand ein französisches Heer von fast 40.000 Mann gegenüber.

Wieder galoppierten die Ritter Europas in den tödlichen Pfeilhagel englischer

Langbogen und starben. Als der Abend anbrach, waren auf englischer Seite

300 Mann getötet worden. Bei den Franzosen fielen 1500 Ritter und 9000 Mann

Fußvolk.

Das Ende der Langbogen

Fast 400 Jahre lang war der Langbogen die dominierende Waffe im Landkrieg.

Die Herstellung und Bevorratung von Bogen beschäftigten einen ganzen

Industriezweig. Bogenstäbe, vorzugsweise aus Eibe wurden zu Zehntausenden

gehandelt und importiert. Noch bis heute leidet der Bestand an Eiben in Europa

unter der Dezimierung im Mittelalter. Allein im Tower von London lagerten

nach einem Bericht vom 21. September 1523: 11.000 Bogen, 6000 Bogenstäbe,

384.000 Pfeile und 86.400 Bogensehnen.

 

 

 

 

 

Quellenangabe :

 

Der gefiederte Tod - H.Seehase/R.Krekeler

Krähen über Cre'y -Dr.J.Baier

Die Schlacht bei Agincourt - Dr.J.Baier

Stefan Lehmacher